Es gibt Leute, die etwas besonderes erreichen und jene, die anderen in ihren Errungenschaften helfen. Letztere bezeichnet man oft als Lehrer. Im Alltag verwenden wir dieses Wort für jene, die den Kindern die Weltordnung näher bringen. Gurdjieff verwendete für jene, die den Kindern die Wege der Seele beibringen, sein eigenes Wort „Oskianotsner“. Dieser Begriff kann auf alle erweitert werden, die anderen beim Erreichen der inneren Realität helfen und sie führen. Die Allgemeinheit sieht zu Prominenten aus Kunst, Wissenschaft, Sport, Politik und Showgeschäft auf. All diese besonderen Menschen sind in der Gesellschaft in hohem Maße sichtbar und zeichnen sich in einem bestimmten Bereich durch hervorragende Leistungen aus. Es gibt auch eine andere Art besonderer Menschen, die nicht so sichtbar sowie allgemein anerkannt sind, und die trotzdem eine bedeutende Rolle im Leben jener Leute spielen, die auf der Suche nach eigenen inneren Veränderungen sind. Solche Menschen bilden die Gruppe der Sucher nach dem Unsichtbaren im Inneren. John Bennett prägte für diese den Begriff psychokinetisch, weil ihre Psyche im Gegensatz zur weitaus größeren psychostatischen Gruppe, zu der auch viele Prominente gehören, im Wandel begriffen und nicht starr ist.
Psychokinetische Personen haben ein ungewöhnliches Problem, weil sie weder zu dieser noch zu der anderen Gruppe gehören. Sie sind zwar auf der Suche, sind aber noch nicht fündig geworden. Ihr Weg ist riskant, insbesondere weil sie teilweise nicht wissen, was sie tun. Sie können das auch erst dann umfassend verstehen, wenn sie angekommen sind oder wenn sie den Übergang hinter sich gebracht haben vom gewöhnlichen Leben, in dem sie durch externe Kräfte gelenkt werden, zu einem anderen Zustand, in dem sie aus dem Inneren geführt werden. Wegen dieser Unsicherheit müssen sie sich den Leuten anvertrauen, die behaupten, sie seien weiter gegangen und hätten etwas entdeckt. Es ist unwahrscheinlich, dass letztere den Übergang selbst schon abgeschlossen haben. Es gibt noch eine andere Gruppe von Menschen, die Bennett psychotelios nennt. Sie sind angekommen, bleiben aber in der Gesellschaft unsichtbar und haben Aufgaben, die wir nicht begreifen. Nur selten werden sie zu Lehrern.
Psychokinetische Sucher können nicht mit Sicherheit wissen, ob die Lehrer, mit denen sie sich treffen, über hilfreiches Wissen verfügen. Folglich sind sie anfällig für Ausnutzung und werden oft betrogen. Sie können sklavische Anhänger eines Scharlatans werden und jemanden ablehnen, der ihnen praktische Hilfe leisten würde. Im Gegensatz zum akademischen Wissenserwerb gibt es hier keine klar strukturierte Ausbildung, vornehmlich weil äußere Kriterien für die Errungenschaften der inneren Suche fehlen und subjektive Empfindungen und Einschätzungen des Suchenden nicht objektiv nachvollziehbar sind.
Das Konzept, nach dem sich der bedeutende Übergang vom äußeren zum inneren Lebensweg vollzieht, kann als eine Reihe von Schritten gedacht werden. Gurdjieff nahm darauf mit dem Begriff der Treppe Bezug, die die zwei Welten verbindet. Auf den Stufen dieser Treppe wird der Suchende Menschen vorfinden, die zwar noch nicht die endgültige Selbstrealisation erreicht haben, die aber etwas wissen und sogar etwas begreifen, was für vergleichsweise Neulinge nützlich sein könnte. Gurdjieff ging auf die Metapher der Treppe näher ein, indem er meinte, dass jeder Schritt oder jede Stufe von jemandem eingenommen sein sollte, der jenen auf niedrigeren Stufen helfen kann, ähnlich dem alten Entwurf der Scala naturae, die die Brücke zwischen Natur und Gott schlägt. Und wenn jemand eine Stufe auf der Treppe nach oben steigt, ist er verpflichtet, einen anderen zu führen seinen Platz einzunehmen.
Gurdjieffs Modell gibt uns eine Möglichkeit die bekannten Phänomene der Suchenden, der Kulte, der geistigen Schulen, der esoterischen Gruppen, der mysteriösen Lehrer, der schwarzen und weißen Magie, der geheimnisvollen Gemeinschaften usw. als eine sichtbare Erscheinung eines inneren, wenig sichtbaren Prozesses abbilden zu können, der die psychokinetische Gemeinschaft hervorbringt und in vielen Details missraten kann. Das Bild der Treppe wirft eine Frage auf, weil die Realität und Logik des Ausgangspunktes und die Realität und Logik des möglichen Endpunktes so verschieden sind, dass sie sogar einander widersprechen können. Gurdjieff sah die Menschheit seit den Sumerern in zwei Strömungen geteilt, die fast nichts miteinander gemein haben. Das bedeutet, dass die Treppe nicht geradlinig errichtet werden kann, sondern eher gemäß der modernen Komplexitätstheorie zu modellieren ist. Zyniker könnten sich die Treppe ähnlich einem Labyrinth oder einem Irrgarten vorstellen und sicherlich erleben sie viele als verdreht und in sich gewunden.
Menschen, die auf der Treppe gegenüber den Suchenden als Lehrer oder Helfer auftreten, sind wohl oder übel Vertreter des Reichs der Freiheit, das ihnen allen anziehend erscheint. Aber je höher auf der Treppe die besondere Person, der mögliche Lehrer steht, desto weniger ist er oder sie von praktischem Nutzen für den Sucher, weil dieser außerstande ist, von ihrer Erkenntnis Gebrauch zu machen und ihrer Logik zu folgen. Viele Geschichten in der islamischen Tradition berichten davon und Gurdjieff selbst bemerkte in bissigem Ton, dass jeder von Jesus Christus gelehrt werden wolle, obwohl kaum jemand dazu geeignet wäre, worauf auch im Evangelium aufmerksam gemacht wird: „Wer Ohren hat zu hören, der höre.“ (Matthäus 11,15). Christus lehrte vieles mit Gleichnissen und Geschichten. Sogar heute lernen wir etwas mittelbar aus der Literatur. Aber der praktische Weg verlangt nach einem tiefen persönlichen Austausch zwischen dem Suchenden und dem Lehrer, der keiner Formel folgt. Rudolf Steiner zu Recht ein Lehrer des 20. Jahrhundert, begegnete einem seiner Lehrer - einem Verkäufer von Heilkräutern - bloß einmal im Zug und wurde darin unterrichtet, ein bestimmtes Buch in einer bestimmten Art und Weise zu lesen.
Lehrer und Sucher sind auf besondere Art und Weise miteinander verbunden. Wird wahre praktische Hilfe geleistet, übernimmt der Lehrer in der Beziehung zum Suchenden die Rolle einer höheren Intelligenz nicht ohne wiederum selbst nach einer höheren Intelligenz zu suchen. Der Lehrer kann das, was jenseits von ihm ist, verschleiern und dadurch zu einem Götzen werden oder als eine Tür zur gesuchten inneren Wahrheit dienen. Lehrer sind nicht perfekt und begehen Fehler. Weil sie aber wissen, was es bedeutet Mensch zu sein, können sie etwas, was Engel mit all ihrem strahlenden Geist niemals können.
übersetzt von Maria Mucke